skarloc.de > Warhammer mit anderen Augen >

Die Jünger der gelb-roten Erlösung
Wie der Anfang, so das Ende!  - Hieronymus

estern war ein besonderer Tag. Es lag nicht am Wetter und auch nicht daran, daß der DAX an der Börse um 2,5% zugelegt hat. Die Jünger der gelb-roten Erlösung auf dem Weg zum Tempel (185895 Byte)Auch nicht daran, daß der  Stadtverkehr einigermaßen ruhig war, und ich nur eine halbe, anstatt der Üblichen drei viertel Stunde bis zur Arbeit gebraucht habe. Es war nicht die Tatsache gewesen, daß es von Janet Jackson bald eine neue Single-CD gibt. Bestimmt nicht, denn die Dame mag ich nicht und ihre Songs mag ich noch weniger. Aber ihr seht, was man alles für Kram mitbekommt, wenn man jeden Tag stundenweise Auto fährt und dabei Radio hört. Ich könnte natürlich eine Kassette oder CD reinwerfen, aber die alle habe ich mir mindestens 440 Mal angehört und um was neues zu kaufen braucht man Geld, und das Geld habe ich bereits für die Figuren ausgegeben. Also höre ich mir das Radio an. So schließt sich der Kreis. Aber das hatten wir schon mal durchgesprochen.

ir wollen doch jetzt mal endlich erfahren, was denn am gestrigen Tag so besonders war. Ich hoffe zumindest, daß wir es wollen, oder genauer gesagt, daß Ihr es wollt. Ich weiß es ja und ich werde es euch auch erzählen.

ut. Gestern habe ich es wieder getan. Nicht das, was Ihr gerade denkt. Und auch nicht das, was Ihr denkt, das ich denke :-) Nein. Etwas ganz anderes. Was gutes. Etwas, was jeder von uns, den wahren Jüngern der gelb-roten Erlösung, ab und zu tun muß. Jeder Glaube hat seine bestimmten Regeln, manchmal doch sehr unterschiedliche. Aber einiges ist immer wieder vorhanden. Wie z.B. Götter, eine Bibel oder etwas, was man als Bibel bezeichnen könnte und eine Stätte, wo sich die Gläubigen treffen, um zu beten, zu beichten oder... zu spenden. In solchen Stätten oder schöner gesagt Tempeln, es klingt nämlich viel anspruchsvoller, gibt es immer einen oder mehrere Priester. Ist eine Tatsache.

nd jetzt kommen wir endlich auf den Punkt. Gestern habe ich unseren Tempel besucht. Das, was von einem Außenseiter schlicht als ein GW-Laden bezeichnet wird. Na ja, sollen sie eben tun, diese unsensible Biester... Wir wollen nicht weiter darüber nachdenken. Besonders angesichts der Tatsache, was es für ein außergewöhnliches Erlebnis für mich war. Ich war in der Stadt. Schon von weitem, noch zwei Blocks entfernt, konnte ich vage Umrisse von den uns wohlvertrauten gelb-roten Buchstaben erkennen. Diese Buchstaben, die wahrscheinlich noch aus den Achtzigern stammen, so komisch und eckig, fast geschmacklos, aber wie gesagt wohlvertraut. Also sah ich die Buchstaben und schon wurde mein Atem unregelmäßig, Herzschlag stieg hoch, die Hände kribbelten und im Bauch gingen ganze Schwadronen von Flugzeugen auf die Startbahn. Ich mußte kurz anhalten um mich etwas zu beruhigen. Es war Mittagszeit. Tausende von Menschen flossen an mir vorbei, murmelnd und schleppend. Manche sahen mich an, andere nicht. Ich stand da, mitten in diesen lebendigen Fluß und fragte mich, ob ich denn würdig wäre heute den Tempel zu betreten. Ob ich als Gläubiger nicht versagt habe. Ob ich mich an alle Gebote gehalten habe. Es war eine schwierige Frage. Aber ich mußte es wissen, damit ich mit reiner Seele die heilige Stätte betreten könnte. Habe ich das 6. Testament bis zum Ende gelesen? Habe ich genug Figuren gekauft? Habe ich genug Figuren bemalt? Habe ich innerhalb von den letzten zwei Wochen eine Schlacht geschlagen? Habe ich mein WD-Abo verlängert? All das habe ich mich gefragt. Und, ich schäme mich so, nicht immer konnte ich ja sagen. Entrüstet und geschämt quälte ich mich mit den Vorwürfen. Und wenn nichts passiert wäre, hätte ich mich mit Sicherheit an der Stelle umgedreht und wäre weggegangen. Aber es ist etwas passiert...

in Junge kam... Ein kleiner Junge namens Kevin mit seinen Freund. Die waren nicht weiter auffällig. Klein, so um die dreizehn, vierzehn Jahre alt, wie alle anderen Jungen in diesem Alter angezogen. Breite, herunterhängende Hosen, riesige Schuhe, bunte Jacken, nach einer Haarbürste schreiende Frisuren. Wie gesagt, Durchschnitt... Und laut waren die beiden. Sehr laut. Und das war meine Rettung. Die beiden unterhielten sich. Und ich konnte sie hören. Der Junge war gerade fleißig dabei, dem anderen seine Emotionen bezüglich des Tempelbesuchs zu vermitteln. Er erzählte, wie voll geil und kraß er die Zeit empfand, die er im Tempel verbrachte. Und sowie es sich anhörte, war er von den Reden des Priesters auch sehr beeindruckt. Seiner Meinung nach, redete der Diener des Tempels nur Sch... und außerdem sei er ein völliger Depp. Da dachte ich mir, was doch für ein Glück diese Diener Gottes haben. Sie stehen so nah an dem Fenster zum Himmel, sie habe ihre treue Gemeinde. Solche Jungs, die sie bewundern und fast vergöttern. Neidisch bin ich geworden, auf diese Anerkennung, welche ich nie erfahren werde. Andererseits aber auch glücklich, daß es solche Vorbilder für die Jugend gibt...

o stand ich und dachte über alles nach. Der Junge hat mir geholfen. Er hat mir die Augen geöffnet. Und so ging ich ruhig und gelassen weiter in Richtung des Tempels, um die heilige Stätte zu betreten... Um meine Sünden zu beichten und um die Güte zu erfahren... Kurz vor der Schwelle habe ich andächtig eingehalten... Jetzt sah ich es... Die Glastür, die Vitrinen, die Buchstaben, so groß und gelb... Ein herrlicher Anblick... Dann durchschritt ich die Pforte...

s war etwas ganz besonderes. Etwas einmaliges. Zuerst war da die Musik. Laut und regelmäßig. Wohl eine von den neuen Hymnen. Nur gesungen wurde nicht. Ab und zu kreischte eine Frau etwas in einer fremden, mir unverständlichen Sprache, sonst blieb die Musik schön regelmäßig, penetrant und irgendwie ausgeglichen. Der Tempel war gefüllt mit Gläubigen. Und, welche Freude, nicht nur die älteren Gemeindemitglieder, sondern auch die Jüngeren. Unser Stolz, unsere Hoffnung. Ich konnte erkennen, daß der Glaube in ihnen stark ist. Sie waren alle in unterschiedlichste Diskussionen vertieft. Am meisten über die Interpretationen des einen oder anderen Kapitels des 6. Testaments. Es waren kundige Diskussionen. Ich war erstaunt, wie viel diese Kinder über die Heilige Schriften wissen und mit welcher Pietät sie darüber sprechen. Ich hörte einige, besonders wunderbare Sätze, wie: "alles blöder Mist" oder "verzieh dich, du Penner". Ich lächelte. Alles war wunderschön...

nd dann schwebte der Priester im roten Gewand auf mich zu. Er war müde, ein wenig verschwitzt, aber voller Glaube. Er sah mich an, er fragte mich ob er mir helfen könnte. Ja, sagte ich, helfe mir und zeige mir den rechten Weg. Wohin, fragte er. Zu dem Platze, antwortete ich, wo ich uralte Artefakte finde, von den legendären Söldnerregimentern hinterlassen. Mein Sonn, sprach dann der Diener Gottes zu mir, so einen Platz gibt es nicht. Und dann ließ er mich allein. Ich war aber nicht entrüstet. Nein, ich war erstaunt. Die Diener anderer Tempel würden jetzt höflich fragen, ob ich noch was bräuchte. Aber in meinem Tempel herrschten andere Gesetze. Wenn man nichts zu sagen hatte, sagte man auch nichts...

ch blieb allein. Ehrfürchtig sah ich mir die Regale mit den heiligen Texten und Idolen an. Es waren viele, sehr viele. Sie waren unterschiedlich groß und hatten auch unterschiedliche Überschriften. Preisgruppe A, B, C, D... Ich wußte schon von früher, daß ich dem Tempel eine Spende geben muß, wenn ich einen von diesen Idolen mitnehmen wollte. Und ich wußte auch, wenn ich meinem Glauben treu bleiben will, muß ich es tun. Also habe ich mir einige ausgewählt. Nicht viele und nicht zu groß, höchstens Gruppe D, beim Glauben kommt es nicht auf die Größe der Ikone an... Danach suchte ich die Spendestelle auf. Der Priester wartete schon auf mich. Hast du Deinen Weg gefunden, mein Sonn, fragte er mich. Ja, Vater, antwortete ich, habe ich. Gut, sagte er, bleibe auf diesem Wege und die Güte wird mit dir sein. Danke Vater, sprach ich. Ihr seid zu großzügig. Aber du mußt auch großzügig sein, mein Sohn, redete er weiter. Gib uns etwas, damit wir dich in unseren Gebeten erwähnen können. Ich reichte ihm meine Kreditkarte. Der Priester schien zufrieden. Er dankte mir und ich fühlte mich erleichtert. In vielerlei Hinsichten...

ach ein paar Minuten habe ich mich verabschiedet. Mögen die GW-Götter mit dir sein, mein Sohn, hörte ich den Priester sagen. Ich nickte, unfähig was zu sagen, so unglaublich anregend war diese Unterhaltung. Nach einer Weile fand ich mich draußen. Wieder mitten in nirgendwo, von der Menschenmenge umhüllt, eine Zigarette rauchend, ein kleines Tütchen in der Hand und dachte über alles nach, was ich erlebt habe... Es war einmalig gewesen...

twas später machte ich mich auf den Weg. Ich mußte noch einen halben Tag arbeiten, aber es war nicht weiter tragisch. Nichts war tragisch. Die Güte war mit mir. Und ein paar anderen Sachen in der Tüte... Das Leben ging weiter.

06.04.2001 by witchhunter